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KuhWert

01. Anwendung des KuhWert

Die Entscheidung über den Verbleib von Kühen und Ersatzfärsen zur weiteren Zucht im Betrieb ist von außerordentlich hoher wirtschaftlicher Relevanz und nicht immer ganz einfach für den Betriebsleiter. Um die Entscheidung über die erneute Besamung oder gar den Abgang eines Tieres zukünftig zu erleichtern, haben vit Verden, VITPC-Software und dsp-Agrosoft GmbH den “KuhWert“ entwickelt. Der “KuhWert“ kann in der Herdenmanagementsoftware HERDEplus der dsp-Agrosoft GmbH und im Herdeninformationssystem NETRINDmlp vom vit kostenpflichtig bereitgestellt und mit weiteren notwendigen Informationen für die Entscheidungsfindung verknüpft werden.

02. Was genau ist der KuhWert

Der KuhWert ist ein auf Basis von Betriebs- und Herdenparametern berechneter Schätzwert, für den wirtschaftlichen Wert in Euro, den eine Kuh bzw. Färse innerhalb der nächsten 5 Jahre erreichen kann. Dieser zu erwartende wirtschaftliche Wert wird aus der Differenz der möglichen Einnahmen (Milchleistung, Kälber, Schlachtung) und Ausgaben (Futter, TU, Besamungen, Bestandsergänzung) sowie der Berücksichtigung des Zinssatzes für Diskontierung ermittelt. In die Berechnung des KuhWertes fließen neben Informationen aus der Milchleistungsprüfung vor allem auch individuelle betriebliche Kenngrößen ein. Der KuhWert bietet somit erstmals eine einheitliche und objektive Bewertungsgrundlage für den direkten wirtschaftlichen Vergleich und die Rangierung von Kühen und Färsen innerhalb eines Betriebes.

03. Einflussfaktoren auf die Höhe des KuhWert

Zur Berechnung des KuhWerts von Kühen und Ersatzfärsen werden Herdenparameter und Tierdaten aus dem aktuellen vit-Datenbestand entnommen. Als Herdenparameter fließen neben dem Herdendurchschnitt (Milch-kg) auch die mittleren Bestandskennwerte für die Brunstnutzungsrate, die Fruchtbarkeitsrate (NR56) sowie die Merzungsrate in die Berechnung mit ein. All diese Informationen werden mit den betriebsindividuellen ökonomischen Betriebskennwerten wie z.B. dem Milchpreis, den Futterkosten oder dem Wert einer Färse verknüpft. Sofern der Nutzer keine eigenen Angaben hierüber macht, werden aktuell anzunehmende Standardwerte für die tägliche Berechnung herangezogen.

Von allen Tierdaten hat die Milchleistung (305-Tage Leistung sowie ihre Veränderung im Laktationsverlauf) den größten Einfluss auf die Höhe des KuhWerts. Neben der Milchleistung der aktuellen Laktation wird hier die zu erwartende Milchleistung der kommenden Laktationen berücksichtigt. Des Weiteren werden die im Rahmen der Milchleistungsprüfung (MLP) erhobenen Angaben hinsichtlich Laktationsnummer sowie Trächtigkeits- und Laktationsmonat mit herangezogen Mit zunehmender Laktationsnummer steigt die Merzungsrate und damit die Wahrscheinlichkeit, dass eine Kuh keine weiteren vollen 60 Monate erlebt und Leistungen erbringt. Jüngere Tiere haben daher tendenziell einen höheren KuhWert als ältere Kühe. Dies zeigt die Abbildung 1 am Beispiel der Entwicklung des KuhWerts für tragende und nicht tragende Kühe anhand eines Praxisbetriebes.

Für Ersatzfärsen erfolgt die Schätzung erst dann, wenn eine Trächtigkeit vorliegt und sie in den nächsten 90 Tagen zur Kalbung anstehen. Da für diese Tiere noch keine Leistungsdaten vorliegen, werden für sie genomischen Zuchtwerte oder alternativ Pedigreezuchtwerte zur Schätzung der künftigen Milchleistung und der somit erwarteten monetären Einnahmen herangezogen.

Die vergleichsweise bessere Bewertung jüngerer Kühe kann dazu beitragen überhöhte Abgänge vor allem in der 1 und 2. Laktation zu vermeiden. Dies wirkt sich positiv auf die Lebensleistung aus, da mehr Tiere die Chance bekommen die Folgelaktationen zu erreichen.

04. Reproduktion

Der Reproduktionsstatus wird durch die Trächtigkeit bzw. Nichtträchtigkeit bestimmt. Er ist die entscheidende Größe für den künftigen wirtschaftlichen Wert eines Tieres und somit für Wert der Trächtigkeit die Höhe seines KuhWerts.

Die Abbildung 2 verdeutlicht, wie sich mit zunehmender Dauer der Nichtträchtigkeit der KuhWert eines Tieres drastisch verschlechtert (rote Linie). Dies ist in der wachsenden Wahrscheinlichkeit einer Merzung wegen Nichtträchtigkeit begründet. Damit sinkt die Möglichkeit einer weiteren Leistungserbringung in Folgelaktationen

Demgegenüber wird ersichtlich, dass sich bei einer Trächtigkeit (blaue Linie) der wirtschaftliche Wert im Laktationsverlauf auf einem wesentlich höheren Niveau entwickelt.

05. Verlust durch Nichtträchtigkeit

Der KuhWert wird für jedes Tier immer für beide Reproduktionsstati, tragend und nicht tragend, berechnet. Aus der Differenz des KuhWertes „nicht tragend“ zu „tragend“ kann der Verlust durch Nichtträchtigkeit berechnet werden, der bei Merzung einer nicht tragenden Kuh entsteht. Daraus wird deutlich, inwieweit es sich lohnt, eine nicht tragende Kuh nochmals zu besamen. Dieser Zusammenhang wird in der Abbildung 2 durch die Fläche charakterisiert die sich zwischen der blauen und roten Line bildet. Am 200. Laktationstag beträgt beispielhaft der wirtschaftliche Verlust durch Nichtträchtigkeit 2.200€. In der folgenden Abbildung 3 wird die durchschnittliche Entwicklung des KuhWerts anhand aller Kühe eines Beispielbetriebes im Laktationsverlauf und mit zunehmendem Alter zusammenfassend verdeutlicht.

 

06. Anwendung des KuhWert in HERDEplus

Zur objektiven Entscheidung über den Verbleib oder den Abgang eines Tieres kann es sinnvoll sein, den KuhWert mit weiteren derzeit darin noch nicht enthaltenen tierbezogenen Informationen zu verknüpfen. Dies betrifft insbesondere den Gesundheitsstatus und die aktuellen Leistungen. In HERDEplus wird dies im Controlling Modul „Analyse KuhWert“, in den Arbeitslisten, Bestandsübersichten und in der Einzeltieranzeige ermöglicht.

In der täglichen Arbeit kann der KuhWert für die Bewertung der nichttragenden Tiere in der Zuchthygiene genutzt werden.

Seine Bereitstellung in der TU-Arbeitsliste ermöglicht erstmals die Einbeziehung der künftigen Wirtschaftlichkeit in den Selektionsentscheid und führt somit zu einer neuen Qualität in der zuchthygienischen Arbeit. Wenn eine Kuh bei der Trächtigkeitsuntersuchung als nicht tragend festgestellt wird, sollte nur dann eine weitere Besamung erfolgen, wenn sich dies wirtschaftlich lohnt. Dazu kann ein betriebsindividueller Grenzwert anhand des KuhWert tragend festgelegt und farblich markiert ausgewiesen werden. Bei dessen Unterschreitung sollten die Tiere nicht mehr besamt werden.

07. Arbeitsliste Trächtigkeitsuntersuchung

ZHU ArbeitslisteListeInfo
BesamungLaktationMLPKuhWertGemelkMilch
TierArtErg.TageDatumNr.Nr.TageMkgZZnicht tragendtragendDatumkg
671TU+3714.07.3617030.921855 €136220.08.27.2
705TU-3813.07.3621830.5857561 €142020.08.29.7
852TU-3813.07.4226023.1107522 €2301 €20.08.30.3
905TU-3912.07.432102799707 €133020.08.22.4
Tabelle 1: Arbeitsliste zur Trächtigkeitsuntersuchung
Dies wird anhand folgender Beispiele auf Basis der aktuellen Trächtigkeit Untersuchungsergebnisse verdeutlicht:

  • Der betriebliche Grenzwert für die Unwirtschaftlichkeit wurde mit 1.500€ für den KuhWert tragend festgelegt. Das Tier 671 ist tragend. Sein niedriger KuhWert tragend von 1.362€ ist hier ohne Bedeutung und bleibt unberücksichtigt. Dies gilt grundsätzlich für alle tragenden Tiere.
  • Das Tier 705 ist nicht tragend. Trotz seines geringen Kuhwertes tragend von 1.420€ empfiehlt sich eine nochmalige Belegung, weil es mit 29.7kg bei 218 Melktagen ein hohes Leistungsvermögen in der aktuellen Laktation zeigt.
  • Das Tier 852 ist nicht tragend. Da sein KuhWert tragend mit 2.301€ oberhalb der Unwirtschaftlichkeitsgrenze liegt sollte es trotz seines hohen Laktationstandes wieder besamt werden. Dafür spricht auch die aktuelle hohe Milchleistung von 30,3kg.
  • Das Tier 905 ist nicht tragend. Es sollte nicht wieder belegt werden, weil es hat einen geringen KuhWert tragend von 1.370€ hat und auch aktuell eine geringe Milchleistung aufweist.

08. Nutzung des KuhWert im Analyse Modul

Im Folgenden wird die KuhWert Bewertung unter Einbeziehung weiterer Informationen (Krankheitshäufigkeiten, Ausfallzeiten, aktuelle Gemelks- und Besamungsdaten) bespielhaft dargestellt (Tabelle 2). Diese Listendarstellung kann mittels einer Filterung für unterschiedlichste Fragestellungen (Zuchthygieneunterstützung, Problemtierlisten, …) variabel aufbereitet und sortiert werden.
Ein weiterer wichtiger Anwendungsfall ist die Unterstützung bei der Entscheidung über die weitere Nutzung von Tieren im Analysemodul KuhWert.

09. HERDEplus Analysemodul KuhWert

Anzahl DiagnosenInfo
LaktKuhWert BWEUFRUSWWarte-zeitLakMilchBes.TU
TierNr.nicht tragendLakgesLakgesLakgesLakgesTageTagkgTage n.B.Befund
5333-24431724127933326.5260TU-
8903126128931.850TU-
820420915 32129429.354TU-
65531570 €2111525929.770TU-
Tabelle 2: Analyse KuhWert, geringster nicht tragender Wert zuerst

Im Beispiel der Tabelle 2 wurden ausschließlich nicht tragende Tiere ab Laktation 3 für die Bewertung bereitgestellt und nach dem niedrigsten nicht tragenden KuhWert aufsteigend sortiert. Mit rot wurden die Tiere gekennzeichnet, deren KuhWert nicht tragend unterhalb der betrieblich festgelegten Wirtschaftlichkeitsgrenze von 1.500€ liegt.

Anhand der ausgewiesenen Informationen kann folgende Rangfolge abgeleitet werden:

  • Das schlechteste Tier ist die 533. Es ist nicht tragend und hat mit -244€ einen sehr geringen KuhWert nicht tragend. Mit 333 Melktagen hat es noch eine passable Leistung von 26,5kg Milch, aber 79 Tage Milchausfall in 3 Laktationen.
  • Dazwischen rangiert das Tier 820. Es ist ebenfalls nicht tragend hat aber einen besseren KuhWert als das Tier 890 bei einem vergleichbaren Laktationstag und 29,3kg Milch, verzeichnet jedoch 21 Tage Milchausfall in der aktuellen Laktation.
  • Das beste Tier ist die 890. Es ist nicht tragend und hat mit 126€ einen vergleichsweise guten KuhWert nicht tragend. Es hat weiterhin am Melktag 289 eine hohe aktuelle Milchleistung mit 31,8kg.

10. Fazit

Der wirtschaftliche Erfolg des Betriebes hängt von einer umfassenden Kenntnis vieler Faktoren ab. Bisher werden in der Bewertung ausschließlich der erbrachten Ergebnisse und der aktuelle Leistungsstand berücksichtigt. Die tierindividuelle Bereitstellung des KuhWerts ermöglicht die frühzeitige Festlegung des weiteren Verwendungszweckes (Verkauf tragend vs. eigene Nachzucht).
Mit der Bereitstellung des KuhWertes werden diese erstmals um die Schätzung der voraussichtlichen Wirtschaftlichkeit ergänzt. Damit wird eine neue Qualität insbesondere in der Zuchthygiene beim Entscheid für eine erneute Belegung objektiver abgesichert. Es wird überhöhten vorzeitigen Abgängen vor allem in den ersten beiden Laktationen entgegengewirkt und damit die Lebensleistung der Herde verbessert.

Brunstnutzungsrate (BNR)

Die Brunstnutzungsrate kennzeichnet
  • den Anteil an Kühen, die nach Ablauf der physiologisch bedingten Mindestrastzeit oder einer betrieblich festgelegten freiwilligen Wartezeit (FWZ) in einem Zeitraum von 21 Tagen erstbesamt und/oder nachbesamt wurden im Verhältnis zu den, in diesem Zeitraum zur Brunstbeobachtung/Besamung vorgesehenen Tiere.
  • den Anteil an Färsen, die nach Erreichen der Optimalkondition bzw.  nach dem 14. Lebensmonat besamt wurden im Verhältnis zu den, in diesem Zeitraum zur Brunstbeobachtung/Besamung vorgesehenen Tiere.
Anzahl besamter Tiere (in 21 Tagen) x 100
Brunstnutzungsrate (BNR)=
Anzahl zur Besamung anstehende Tiere (in 21 Tagen)

Die Anzahl zur Besamung vorgesehener Tiere ergibt sich aus den

  •  noch nicht besamten Kühen nach Ablauf der physiologisch bedingten Mindestrastzeit  (42 Tage) oder der FWZ bzw.
  •  noch nicht besamten zuchtreifen Färsen, die die Optimalkondition bzw. ein Mindestalter von 14 Lebensmonaten erreicht haben.

Diese Tiere beziehen sich auf den Zeitraum von 21 Tagen. Sie dürfen weder zuchtuntauglich sein, noch einen Besamungsstopp haben. Die 21 Tage können sich entweder auf einen Kalenderzeitraum von genau 21 Tagen beziehen oder auf ein durchschnittliches Brunstintervall von 21 Tagen in einem frei wählbaren Zeitraum.

Im betrieblichen Controlling sind die physiologisch bedingte Mindestrastzeit bei Kühen und die Lebensmonate bei Färsen frei einstellbar.

Schätzung mittels Formel: Die BNR kann aus dem Besamungsindex (BI), der Güstzeit (GZ) und der Wartezeit (FWZ) wie folgt berechnet werden:

In der Formel werden abgegangene Kühe, bis auf Abgänge wegen Unfruchtbarkeit, nicht berücksichtigt.

BI * 21 * 100
Brunstnutzungsrate (BNR)=
GZ – (FWZ – 21/2)

Die BNR kann für folgende Spezifikationen berechnet werden:

Die freiwillige Wartezeit (FWZ) ergibt sich entweder aus der physiologisch bedingten Mindestrastzeit oder der betrieblich festgelegten freiwilligen Wartezeit (FWZ)

Merzungsrate (MR)

Die Merzungsrate ist die Anzahl der (tatsächlich) gemerzten Kühe bezogen auf den Durchschnittskuhbestand.

Merzungen sind: Normal- und Hausschlachtungen, Verendungen und Nottötungen.

Anzahl Merzungen x 100
Merzungsrate (MR)=
Durchschnittskuhbestand

Non-Return-Rate 90 (NR90)

NR90 ist der Anteil der Kühe mit auswertbaren Erstbesamungen die bis zu 90 Tagen nach der EB nicht wieder besamt (wiedergekehrt) sind. Sie sind wahrscheinlich tragend.
Anzahl Tiere, die 90 Tage nach der EB nicht wieder besamt sind X 100
NR90=
Anzahl auswertbare EB für NR90

Als auswertbare EB  für NR90 werden alle EB von Tieren gezählt, die im Auswertungszeitraum liegen, nicht vor dem 90. Tag nach der Erstbesamung (EB) abgegangen sind (außer Abgängen wegen Unfruchtbarkeit) und bei denen 90 Tage nach der EB vergangen sind.

Als tragend werden für NR90 die Tiere gewertet, zu denen bis zum 90.Tag nach der Erstbesamung (EB) keine weitere Besamung vorliegt. Ergebnisse der Trächtigkeitsuntersuchung werden nicht berücksichtigt.

Richtwerte:

  • Bestand: über 65%
  • Kühe: über 65%
  • Färsen: über 75%
Non-Return-Rate 56 (NR56) = analoge Berechnung zu NR90 auf der Basis von 56 Tagen

Richtwerte:

  • Bestand: über 75%
  • Kühe: über 75%
  • Färsen: über 80%